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Beim Einsatz von Antibiotika ist Vernunft gefragt

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Die Menschheit hat sich winzige, aber mächtige Feinde geschaffen: multiresistente Keime, bei denen Antibiotika nicht mehr wirken. Ein Problem, das Mensch und Tier betrifft.

Leider wissen immer noch viele Tierbesitzer zu wenig über die Wirkungsweise und den gezielten Einsatz von Antibiotika. Eine Umfrage der «British Veterinary Association» hat ergeben,
dass 90 Prozent der Tierärzte sagen, dass ihre Kunden mit der Erwartung in die Praxis kommen, ein Antibiotikum für ihr Haustier zu erhalten. Beinahe 70 Prozent der Tierärzte gaben zudem an, dass sie das Gefühl haben, dass sich ihre Kunden über den Ernst des Problems der Antibiotikaresistenz nicht im Klaren sind. Haben Sie gewusst, dass in der Schweiz jährlich fast 300 Menschen wegen resistenten Bakterien sterben?

 

Antibiotika sind nicht gleich Antibiotika

Antibiotika unterscheiden sich in ihrem Wirkmechanismus. Je nach Wirkstoff hemmen sie das Wachstum der Bakterien oder töten diese ab. Einige wirken, indem sie verhindern, dass ein
Bakterium eine Zellwand aufbaut, andere, indem sie die Membrane der Bakterien aufl ösen, und wieder andere beeinflussen die Art, wie die Bakterien Eiweisse aufbauen oder die Erbinformation (DNA) kopieren.

Damit wir nicht unnötig ein Breitspektrum-Antibiotikum einsetzen, sondern gezielt behandeln, testen wir häufig Proben von Ohren, Urin, Haut, Atemwegen und Wunden. Dies, um zu sehen, welche Arten von Bakterien beteiligt sind und welche Antibiotika sie am besten abtöten.

Das ist besonders dann wichtig, wenn wir nicht sicher sind, ob eine bakterielle Infektion im Spiel ist. Zum Beispiel leiden 95 Prozent der Katzen  mit einer Erkrankung der unteren Harnwege nicht an einer bakteriellen Infektion. Dennoch erhält ein grosser Teil dieser Patienten unnötigerweise Antibiotika.

 

Ist ein Antibiotikum wirklich nötig?

Nicht jedes Fieber ist durch eine bakterielle Infektion bedingt. Viren, Parasiten, Pilze – das Spektrum möglicher Ursachen von Fieber ist gross. Hinzu kommen nicht infektiöse Auslöser wie Entzündungen, Autoimmunerkrankungen, Tumore und Medikamente. Dennoch werden bei Tieren mit Fieber, aber auch bei Husten oder Niesen häufig zu rasch Antibiotika verschrieben. Das Motto lautet «Probieren wir es erst einmal mit einem Antibiotikum».

Die Auswirkungen einer Antibiotikatherapie sind nicht vernachlässigbar. Schäden durch die Veränderung der Darmflora (Mikrobiom) treten bereits ab den ersten Antibiotikadosen auf und haben noch unbekannte Langzeitfolgen. Überdies ist das Infektionsrisiko mit multiresistenten Keimen erhöht, wenn das Tier Antibiotika erhält. Und nicht zuletzt kann eine Antibiotikatherapie zahlreiche Nebenwirkungen nach sich ziehen.

 

Wie entstehen multiresistente Keime?

Bakterien vermehren sich schnell durch Zellteilung. Dabei entstehen immer wieder kleine Fehler im Erbgut, sogenannte Mutationen. Bestimmte Mutationen führen dazu, dass ein Bakterium unempfindlich (resistent) gegenüber Antibiotika wird. Diese Bakterien überleben Antibiotikabehandlungen, vererben ihre Widerstandsfähigkeit und geben sie zum Teil an «Freunde und Bekannte» weiter. Sind Bakterien gegen viele Antibiotika resistent, spricht man von Multiresistenz. Grundsätzlich sind multiresistente Bakterien nicht gefährlicher als andere. Sie führen auch nicht häufiger zu Infektionen. Tritt eine Infektion auf, lässt sich diese weitaus schwerer behandeln. Nur noch wenige Antibiotika sind wirksam. Wie bereits erwähnt, lässt sich durch Labortests herausfinden, welche Antibiotika helfen. Multiresistente Bakterien entstehen vor allem, weil Antibiotika nicht richtig angewendet werden, das heisst: zu häufig, zu kurz oder zu niedrig dosiert.

 

Was macht die Tierklinik Aarau West?

2015 hat der Bund die «Nationale Strategie Antbiotika Resistenz (StAR)» lanciert. Das Ziel ist es, die Wirksamkeit von Antibiotika zu erhalten, um die Gesundheit von Mensch und Tier langfristig zu sichern. StAR basiert auf gemeinsamen bereichsübergreifenden Massnahmen, denn die Antibiotikaresistenz betrifft sowohl die Human- und Veterinärmedizin als auch die Landwirtschaft, die Ernährungssicherheit und die Umwelt.

Im Rahmen von StAR hat das Bundesamt Richtlinien für den sachgemässen Einsatz von Antibiotika veröffentlicht, die in Zusammenarbeit mit Mitarbeitenden der Tierklinik Aarau West entstanden sind. Die Tierklinik versucht sich an diese Richtlinien zu halten und weniger Antibiotika einzusetzen.  Zum Beispiel hat früher jede Hündin nach einer Kastration für fünf Tage Antibiotika erhalten. Heute bekommen die meisten Hündinnen nur noch während der Operation ein Antibiotikum, danach nicht mehr. Zusätzlich müssen wir seit dem 1. Oktober 2019 sämtliche Verschreibungen von Antibiotika in der nationalen Datenbank registrieren. Mit anderen Worten: Wir müssen detailliert festhalten, wann bei welchem Tier und aus welchem Grund wie viel Antibiotika eingesetzt wurden. Daher geben wir keine Antibiotika ohne Konsultation und genaue Indikation mehr an Tierhaltende ab. Mittlerweile ist uns allen klar, dass einschneidende Massnahmen bei der Antibiotikaanwendung notwendig sind, sonst droht ein postantibiotisches Zeitalter, in dem gewöhnliche Infektionen durch banale Erreger nicht mehr mit Antibiotika behandelt werden können. Jeder – vom Tierarzt bis zum Tierhaltenden – ist gefordert, um die bedrohliche Situation zu entschärfen. Dieses Problem geht uns alle an.

 

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